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Dieser Beitrag erschien in den Mitteilungen der Gesellschaft für Haustierforschung- Wolfswinkel/München 1999 und wird hier 2004 in gering veränderter Form wiedergegeben.
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Jiøí Rotter: Schensis - Hunde der tropischen Hackbaukulturen
Westafrikanischer Schensi in seiner Welt. Nach der Hacke wurde die Kultur benannt, deren Teil er ist.
Vorbemerkung zur InternetausgabeDie Reaktionen auf oben angeführte Veröffentlichung waren teils recht kritisch, da einige Hinweise, z.B. den Dingo betreffend, doch etwas ungewöhnlich sind. Manche der Kritiker erweckten den Eindruck, die Arbeit nicht aufmerksam genug gelesen zu haben, worauf ich in meinen brieflichen Entgegnungen hinwies. Vor allem sollten Hinweise nicht mit Behauptungen verwechselt werden. Übrigens ist inzwischen auch von Biogenetikern festgestellt worden, dass der Dingo, wie zu erwarten, vom Haushund Südostasiens abstammt. Morphologisch sind sie identisch mit Schensihunden. Verwilderungen gibt es bei vielen anderen Haushunden auch.
Einer der aus Togo/Westafrika eingeführten Schensi Rüden ist inzwischen gestorben und seine Überreste ruhen im Naturhistorischen Museum Bern.
Auch gab es kritische Stimmen seitens Leser, welche das Thema von kynologischer, rassenhundkundlicher Seite betrachten – vor dieser Sicht kann natürlich Werths Aufteilung nicht bestehen.
Ergänzende Beobachtungen
Die Beobachtungen der Schensihunde könnten um diejenigen auf der Insel Palawan, südliche Philippinen, ergänzt werden, die ich inzwischen bereiste; die Stämme im Inneren der Insel sind relativ leicht vom Meer aus per Boot und etwas Fussweg erreichbar, denn die Insel ist schmal. Es fiel mir auf, dass die Menschen oft auf ihre Hunde lange und eindringlich zureden, als würden sie mit einem Kind sprechen. Ähnliches berichteten mir Freunde, die Borneo bereisten (siehe weiter im Text).
Jiøí Rotter: Schensis - Hunde der tropischen HackbaukulturenInhaltZusammenfassungÜber das Verhalten und Charakter in die Schweiz mitgebrachter Schensis wird berichtet. Es wird die Bezeichnung und der Status der Schensihunde als Hunde der Hackbaukulturen begründet und der Unterschied zu Parias geschildert. Die wissenschaftliche Namensgebung und Trennung von anderen Hundegruppen im Sinne des Autors Professor Emil Werth werden untermauert. Schensis sind Hunde der Völker der tropischen Hackbaukulturen, die im Unterschied zu Parias jemandem gehören, einen individuellen Namen tragen und einen Wert haben, d.h. die gekauft und verkauft werden. Ihre Stellung und Nutzung bei mehreren tropenbewohnenden Völkern wurde neben anderen Quellen durch Beobachtung und Befragung in 10 tropischen Ländern eruiert. In den allermeisten Fällen leben sie bei ihren Besitzern ohne Zwang und ohne Halsband und Leine und geniessen Vertrauen im Umgang mit Kindern und Haustieren. Menschengruppen, die ihren Status ändern und sich z.B. städtischen Zivilisationen nähern, nehmen ihre Hunde mit in die neue Umwelt. Wie in Europa, ist die Zuneigung, Pflege und Gebrauch des Hundes sehr verschieden. Es fällt auf, dass von so vielen Völkern so viele Hunde, vielleicht die meisten, gehalten werden, die keinen bemerkenswerten materiellen Nutzen bringen. Es wird angenommen, dass auch der Hund der Hackbauvölker überwiegend zum Vergnügen gehalten wird und ein Kulturgut darstellt. SummaryJiøí Rotter: Schensis - Hunde der Hackbaukulturen. The Shensidogs - dogs of the hoe-farming cultures. Reports about the behavior and character of the Shensi imported to Europe exist. The designation and status of schensi dogs as dogs of the hoe-farming cultures are justified and the difference to the Pariahs is described. The scientific naming and separation from other dog groups in the sense of the author Professor Emil Werth are being supported. The schensi are dogs of the peoples of the hoe-farming cultures who, other than pariahs, belong to someone, carry an individual name and who have a value, i.e. are bought and sold. Their position at and use by several peoples inhabiting the tropics was, aside other sources, determined through observation and questioning. In the very most cases they live with their owners without force and without collar and leash, and enjoy trust in the interaction with children, domestic animals and pets. People groups who change their status and f.ex. approach urban civilisation, take their dogs to their new environment. Like in Europe, affection, care and use of the dog vary strongly. It is noticeable, that of so many peoples so many dogs, maybe most of them, are held without any remarkable material use. It is assumed that also the dog of of the hoe-farming peoples ist predominatly held for pleasure and that it represents a cultural asset. Souhrn (Zusammenfassung in Tschechisch)Jiøí Rotter: Schensis - Hunde der Hackbaukulturen. Šenziové - psi tropických kopanièáøských kultur.
Vysvìtlení pro èeského ètenáøe
Tento èeský souhrn se liší od nìmeckého a anglického i od pùvodního, tištìného nìmeckého
textu z roku 1999 a hlavnì od mých starších èeských publikací tím, že se zde vyhýbám pojmu
„hahoavu“, protože pokus o vytváøení rasy s tímto názvem z šesti dovezených exempláøù se nezdaøil.
Od okamžiku, kdy jsem pøedal plemennou knihu do rukou, jak jsem se domníval, povolanìjších,
jsem o projektu neslyšel. Proto jsem také upustil od dovozu dalších totožných psù - šenziù- a
ve styku se švýcarskými a americkými zájemci už jsem používal pouze širšího pojmu šenzi -(Schensi, shensi)
V této práci je vylíèeno chování a charakter do Švýcarska dovezených šenziù.
Dále je vysvìtlen zoologický status šenziù jako psù tropických kopanièáøských kultur,
jejich taxonomické postavení a vìdecké pojmenovaní ve smyslu Prof. Emila Wertha
Na rozdíl od páriù mají
šenziové majitele, jméno a jsou kupování a prodáváni. Vztah mezi lidmi a šenzii jsem
pozoroval v deseti zemích tropické Afriky, Asie a Ameriky.
Šenziové požívají naprosté dùvìry ve vztahu k dìtem a domácím zvíøatùm.
Když lidé kopanièárské kultury pøecházejí napø. do kultury mìstské, èasto
své psy berou sebou. Stejnì jako v Evropì, je náklonnost ke psu a jeho použití
velmi rozlièné. Je pozoruhodné, že tolik lidí chová takové množství psù, kteøí
žádný užitek nepøinášejí. Proto se domnívám, že i lidé tropických kopanièárských
kultur chovají psy pro potìšení a že šenzi je souèástí této kultury.
Seit vielen Jahren besuche ich
Westafrika und gelegentlich auch andere tropische Länder und hielt schon
immer mein Augenmerk auf die einheimischen Haushunde gerichtet. So kam es
dazu, dass ich eines und dann noch eines anderen Tages für mich und einige
Freunde Welpen von besonders schönen Müttern aus verschiedenen Dörfern in
Togo zusammensuchte und nach Europa mitbrachte. Es sind kurzhaarige,
mittelgrosse, schlanke (um die 11-14 kg) und leichtfüssige, meist sand- bis
rotfarbene Tiere. Da sie alle aus dem Gebiet des Hahoflusses in Togo
stammten und in der Sprache des dortigen Ewe-Volkes Hund Awu (Plural Awua)
heisst, nannte ich sie Hahoawus - zu Deutsch Hunde vom Hahofluss. Sie
erwiesen sich bei entsprechender Minimalerziehung als äusserst angenehme
Haushunde in Stadtwohnungen wie im Haus und Garten. Sie sind wachsam, aber
bellen kaum oder sehr wenig, aber sie haben andere reichhaltige
Lautäusserungen. Typisch ist das melodische „Begrüssungsanheulen“. Sie
fallen auf durch ihre Reinlichkeit und ihre „Weitsichtigkeit“: Optisch
beachten sie Hunde, Menschen oder Reiter auf Entfernungen, die meine
europäischen Hunde gleichgültig liessen (vielleicht mit Ausnahme des
Greyhounds) - z.B. über ein breites Tal hinweg.
Interessant sind die Veränderungen
im Verhalten während ihrer Zeit in Europa. Das Misstrauen gegenüber unseren
Besuchern wurde weitgehend abgebaut, sie vermuten im Gartenweiher keine
Krokodile mehr und sie haben ihre wahllose Gefrässigkeit abgelegt. Ihre
konsequente Vorsicht vor Schlangen (ich berichtete 1994 über diesbezügliche
Versuche im Vergleich mit einem Jagdterrier im Zusammenhang mit
giftschlangentötenden Bullterriern) liess stark nach. Während man sie in
ihrer Heimat kaum bellen hört, tun sie es nun öfter, aber es ist häufiger
mit Heulen als mit Knurren verbunden.
Schäden richteten sie kaum an:
Während eines Gewitters zerkratzte die im Wohnzimmer allein eingesperrte
Hündin Lagoona die Tür, angekratzt ist auch die Tür, die aus dem Garten ins
Wohnzimmer führt. Als einmal Nachbars Kaninchen Gänge unter unseren
Gartenzaun gruben, vergrösserten meine beiden Hunde den Durchschlupf und
verrichteten unter den freilaufenden Karnickeln ein Blutbad. Durch
konsequente Haltung und ein wenig Aufmerksamkeit konnte man ihnen
Frömmigkeit gegenüber Haustieren beibringen.
Schensis (es besteht übrigens kein
Grund, die deutsche Schreibweise nicht beizubehalten, da sie der
wissenschaftlichen Namensgebung entspricht), sind naturnahe Haushunde
ebenfalls naturnaher Völker der Hackbaukulturen der Tropen rund um den
Erdball. Es ist zu bedenken, dass sich der Hackbaugürtel rund um den Erdball
erstreckt und Völker mit unterschiedlicher Vergangenheit und Veranlagung
erfasst. Um so bemerkenswerter ist die Tatsache, dass ihre Hunde soviel
Gemeinsames haben, dass sie unter einem Namen -Schensi- zusammengefasst
werden können. Natürlich besteht Variabilität, besonders in Bereich der
Behaarung und der Ohren; die Mehrzahl trägt Merkmale eines einheitlichen
Typus. Dass sie in Gegenden, wo die Bevölkerung begütert ist, grösser und
kräftiger sind, überrascht nicht. In allen vier Erdteilen - Südamerika,
Afrika, Asien, Australien - trifft man zahlreiche Einzeltiere an, die jenen
in den drei anderen stark ähneln. Aus Berichten von anderen interessierten
Reisenden erfuhr ich, dass es bei bestimmten Völkern, z. B. in Malawi oder
bei den Himbas, einen einheitlichen, von den üblichen Schensis abweichenden,
Schlag gibt. Derjenige aus Malawi ähnelt einem kleinen Löwenhund, aber es
fehlt das bezeichnende Merkmal, „ridgeback“.
Den Schensis entstammen einige von
Europäern geformte Rassen: der aus Zentralafrika und dem Sudan eingeführte
und in England und Amerika erzüchtete Bassendschi, eine Rasse mit starken
Stirnfalten und über dem Rücken geringeltem Schwanz. (Es wird häufig für
Schensihunde der Begriff Bassendschi, offensichtlich in Verwechslung mit
Schensi, als deutsche Bezeichnung schlechthin für den Haushund des
tropischen Afrika verwendet, sicher zum Missfallen der Liebhaber der echten
Bassendschi. Epstein (EPSTEIN 1971), der Werths Schensi-Status nicht
anerkennt, schreibt dagegen wörtlich: „The Basenji, a western Bantu people
.... have dogs of typical pariah conformation“. Demnach wäre also der
Begriff Bassendschi von dem Namen eines Volkes oder Stammes abgeleitet. Auch
der Rhodesien Ridgeback, eine ganz andere Erscheinung, soll positive
Eigenschaften dem Schensiblut verdanken. (Ich traf gelegentlich in Afrika
und Asien Schensis an, welche das für den Löwenhund typische Merkmal
aufweisen, nämlich einen Streifen in Richtung Kopf wachsendes Haar auf dem
Rücken. Inzwischen ist mir der nun als Rasse gezüchtete thailändische
Ridgeback, der Phu Quoc Dog, bekannt geworden).
In der Zoologie ist es üblich,
Taxone nach weitgehend stabilen überwiegend morphologischen Merkmalen
festzulegen und zu unterscheiden. Beim Haushund, innerhalb einer Tierart,
die sich auf geographische Unterarten nicht wie der Wolf unterteilen lässt,
können Methoden der Zoologie nur mit Vorbehalt angewendet werden. In
Vergangenheit wurde es trotzdem getan, weil der Bedarf an einer Unterteilung
besteht. Ich schliesse mich dieser Tradition zögernd an.
Der Begriff Schensi steht nicht „mit
ostasiatischen Vertretern im Zusammenhang“, ist auch nicht auf den „Namen
einer chinesischen Provinz“ zurückzuführen und ist schon gar nicht die
„Mehrzahl von Bassendschi“. Dies sind einige Behauptungen aus dem
kynologischen Schrifttum. Der Begriff wurde geprägt von Professor Dr. Emil
Werth (WERTH 1944). Der ursprüngliche wissenschaftliche Name der Hunde der
tropischen Hackbaukulturen lautet Canis familiaris schensi WERTH
1944, und sie werden damit von Pariahunden Canis familiaris paria
WERTH 1944 (sowie vom Dingo und Hallstromhund) taxonomisch abgegrenzt.
Inzwischen sind andere Forscher (HERRE u. RÖHRS 1990) der Meinung, Haustiere
hätten kein Anrecht auf eigene zoologische Bezeichnungen von Arten oder
Unterarten. Dementsprechend wären alle Hunde nur „Hauswölfe“, und ihr Name
müsste Canis lupus forma familiaris lauten. Es fehlt aber nicht an
Stimmen (HEMMER 1983), laut welchen es sich bei Haustieren um „Semispezies“
handle, die taxonomisch berücksichtigt werden müssen. Demnach wären alle
Haushunde (also auch Dingos, Hallstromhunde, Schensis und Parias) wieder
Canis familiaris und könnten theoretisch auf „Semisubspecies“ aufgeteilt
werden. Die sinnvolle Unterteilung Werths wäre nomenklatorisch wieder valid.
Doch bleibt m.E. eine taxonomische
Unterteilung zwischen den vier Gruppen - den relativ homomorphen Schensi,
Dingo, Hallstromhund einerseits, und dem heteromorphen Paria andererseits -
fraglich, da sie sich zoologisch nicht ohne Vorbehalte determinieren lassen.
Die Schensis bilden einen - von Mittel und Südamerika über das tropische
Afrika bis Ostasien und Australien - ziemlich einheitlichen, wenig variablen
Typus. Ich vermute, dass man auch den Hallstromhund und den Dingo hierzu
zählen dürfte. Deshalb wirken auch die Fotografien dieser Hunde, in aller
Welt aufgenommen, recht eintönig. Ich erhielt aus Ägypten und aus Indien
Aufnahmen von Parias, die man für einen Schensi oder Dingo halten könnte.
Wie zu erwarten, sind auch ehemalige Schensis zu Parias geworden.
In Ländern, in denen ich Schensis
kennen lernte, traf ich keine Parias an. Aber freilich können dem
oberflächlichen Beobachter herumlungernde Dorf- oder auch Stadthunde als
herrenlos erscheinen, es gab solche in nicht allzu ferner Vergangenheit auch
in Mitteleuropa. Was Parias anbelangt, verweise ich auf die interessante
Arbeit Wörners (WÖRNER 1997). Die geographischen Grenzen zwischen Schensis
und Parias sind genau nicht definierbar, vielleicht überschneiden sie sich,
genau so wie andere Kulturmerkmale des Menschen.
Ich selber kenne Parias nur aus
zahlreichen Abbildungen und dem Wolfswinkel (der Forschungsstelle der
Gesellschaft für Haustierforschung) und frage mich, ob die erst in diesem
Jahrhundert verwilderten Hunde der USA, Rumäniens, Bulgariens und der
Ukraine und sicher auch anderer Länder dazu gezählt werden sollen.
Zumindest zur Verständigung in der
Umgangssprache ist die Bezeichnung Schensi und die Abgrenzung vom Paria im
Sinne Werths sicherlich berechtigt und sinnvoll. Werth begründet die
Verwendung des Begriffes Schensi im wissenschaftlichen Namen mit einem
späteren (WERTH 1956) Hinweis, es sei eine in Ostafrika übliche Bezeichnung
für Hund. Doch hier irrte der Gelehrte und mit ihm, später, auch Epstein
(EPSTEIN 1971).
In Tansania (Suaheli
ist neben den Stammessprachen das Verständigungsmittel) - Sansibar und
Tanganjika - befragte ich viele Menschen, wie Hund in Suaheli heisst: Mba
(so steht es in den Wörterbüchern), Mbwa, Mbuwa, M‘na (Mina), Umbua; Mshensi
dagegen oder auch Mschens ist ein „schlimmes Wort“ ein Begriff für einen
verkommenen, inkorrekten oder barbarischen Menschen! Während Mshensi
einen beleidigenden Inhalt hat, ist die Mehrzahl davon, Washensi, weniger
pejorativ, man bezeichnet so u.a. „Menschen vom Wald“. Der Begriff Schensi
kann in korrektem Suaheli keineswegs für einen verwahrlosten Hund verwendet
werden, wie hier und da behauptet wurde. Die Afrikanistin Frau Angelika
Grundmann aus Basel brachte mich auf die richtige Spur, indem sie mir
mitteilte, dass Schensi ein bei den Suahelivölkern weit verbreiteter
Hundename ist, vielleicht in etwa unserem „Lumpi“ entsprechend. Und dies
wurde mir von mehreren, von mir direkt befragten Einwohnern Tansanias voll
bestätigt. Ich nehme an, dass Werths Bezeichnung auf einem Missverständnis
zwischen Schwarz und Weiss beruht, wie sie leider nicht selten sind. (Es
soll übrigens „di-ngo“ in einer der 150 oder mehr Sprachen der Uraustralier
„ich weiss nicht“ bedeuten. Man kann sich denken, wie der Dingo zu seiner
europäischen Bezeichnung kam.)
Der Begriff Schensi gilt für alle
Haushunde des tropischen Hackbaugürtels der Welt - ich zähle einerseits
Völker, die vielleicht der Ethnologe noch zur Jäger- Sammlerkultur (manche
Indianer, Aborigins Asiens und Australiens) zuordnen würde, sowie anderseits
diejenigen, die mit Hilfe primitiver Pflüge und Wasserbüffel in Malaysia,
Thailand, den Philippinen usw. Reis anbauen, vorläufig dazu - bis nach
Australien, wo ein Teil der australischen Schensihunde möglicherweise erst
durch den Einfluss der Europäer verwilderte und Dingo genannt wird. Es gibt
keinen sicheren Beweis dafür, dass der Dingo bereits seit Jahrtausenden wild
lebt, wie häufig angeführt wird. Möglicherweise verwilderte der Schensi der
Ureinwohner Australiens erst, als sie von Europäern in unwirtliche Gegenden
verdrängt wurden und das europäische Kaninchen als willkommene Beute sich
ausbreitete. Äusserlich unterscheiden sich Dingos nicht von den heutigen
Haushunden der Uraustralier und den Schensihunden. Heute ist es schwer
nachzuvollziehen, wie man zweihundert Jahre darüber streiten konnte, ob der
Dingo ein Wildtier ist oder zum Haushund gehört.
Noch in neuerer Literatur (GRZIMEK,
TRUMLER 1987) werden Dingos und Hallstromhunde (dieser Hund ist nicht ein
Tier aus der „Hallstromzeit“, wie ich unlängst in einem Hundebuch las,
sondern wurde zu Ehren eines Politikers benannt) taxonomisch vom Haushund
abgegrenzt, während manchmal Parias und Schensis stillschweigend übergangen
und dem Haushund zugeordnet werden. Andere Autoren (EPSTEIN 1971) fassen
Hunde der Hackbaukultur mit denjenigen verschiedener Verwahrlosungsstufen
bis zum verwilderten Stadthund unter dem Begriff Paria zusammen. Demzufolge
werden manchmal Schensis als Mischlinge betrachtet, obwohl sie
wahrscheinlich zu den ältesten Hunderassen überhaupt gehören, gebietsweise
sicher „reinrassig“, im Unterschied zum vermutlich modernen, erst
Jahrhunderte alten Paria. Die meisten mir bekannten Berichte über Pariahunde
stammen aus islamischen Gebieten. Nirgendwo in Dörfern tropischer
Hackbaukulturen traf ich Hunde an und hörte auch nicht von solchen, die in
Pariaart wild, halbwild und herrenlos und „von Unrat“ leben würden. Bei den
Völkern der Hackbaukultur, denen ich in Westafrika (Togo, Benin, Ghana), in
Südwestafrika (Namibias Norden), in Ostafrika (Rifiti, Ruaha), in Südamerika
(Venezuela) sowie in Thailand, Malaysia und den Philippinen (besonders Cebu
und Bohol, aber auch schon in der weiteren Umgebung Manilas) begegnete, sind
die ursprünglichen Dörfer sauber - es gibt also keinen „Unrat“, von welchem
Pariahunde leben könnten. Da die Bevölkerung besonders in Afrika häufig arm
ist, sieht man oft auch magere Hunde. Da auch Heilmittel meistens fehlen,
sieht man manchmal Hunde im schlechten Zustand, ausgemagert und räudig. Doch
sind Schensis immer im Besitz von jemandem, sei es eine Person oder eine
Familie; dementsprechend werden Welpen verkauft und gekauft und vor allem -
im Unterschied zu den ebenfalls im Dorf lebenden Ziegen und Schweinen -
tragen sie Namen.
Diese Verhältnisse traf ich dort an,
wo die Bevölkerung ursprünglichen Religionen nachgeht oder/und christlich
ist. Z.B. in Malaysia besitzen die muslimischen Einwohner kaum Hunde.
Typische Schensis traf ich dort an, wo - in abgelegenen Gegenden - sich die
Aborigins ursprüngliche Religion (und Hunde) bewahrten. Auch auf der
überwiegend muslimischen Insel Sansibar sah ich zwei Hunde, diese jedoch
hatten den Habitus und den Status von Schensis. Parasitär oder wild lebende
Parias fand ich keine, und ich hörte auch nicht von solchen. Bei Menschen
der tropischen Hackbaukulturen sah ich nie angeleinte Hunde mit Ausnahme von
solchen, die auf dem Markt feilgeboten werden, fast nur Welpen. Dort, wo der
Übergang zur Pflugkultur stattfand, hat man auch Halsband und Kette
entdeckt, und man sieht, z. B. bei den mit Pflug und Büffel reisanbauenden
Menschen, gelegentlich angebundene Hunde. Dasselbe kommt natürlich auch dort
vor, wo der Hackbauer samt Hund „zivilisiert“, d.h. verstädtert, wurde.
Eine Trennung zwischen Schensi und
Paria ist seit (WERTH 1944) also teilweise aufgegeben worden, aber
Halternoth, ein Zoologe von Rang, kennt den Namen und den Status als
Unterart noch 1958 an. Dres Menzel, einst bekannte Kynologen, halten
Schensihunde (MENZEL 1960) für „Ortschläge des Pariahundes“, und den Begriff
Schensi erklären sie als die „Mehrzahl von Basendschi“, was zweifellos
falsch ist. In der schon erwähnten Arbeit Wörners (WÖRNER 1997) wird der
Schensi wieder erwähnt. Bei Werth (WERTH 1944) gelten der Dingo als einst
nach Australien verschleppter und verwilderter Haushund, der Paria als
verwilderter, verstossener bzw. parasitierender Haushund, der Schensi als im
Frühstadium der Domestizierung, und unsere zivilisierten Begleiter als Hunde
der Pflugbaukultur. Ob diese Aufteilung zoologisch berechtigt und sinnvoll
ist, möchte ich nicht entscheiden, bin aber sicher, dass sie auf kultureller
Ebene der Verständigung dient. Es scheint der Unterschied zwischen dem Wesen
des Haushundes unserer (europäischen) Kultur und dem Paria gering zu sein,
gelang es doch (MENZEL 1960) ursprünglich scheue und wirklich wild lebende
adulte Parias nicht nur zu zähmen, sondern sogar abzurichten. Spätere
namhafte Forscher sind geteilter Meinung: Halternoth und Schneider-Leyer (SCHNEIDER-LEYER
1960) kennen die Bezeichnung Werths an, während Hauk (HAUK 1950) sie
entweder nicht kannte oder nicht anerkannt hat. Herre und Röhrs (HERRE,
RÖHRS 1990) messen anscheinend diesen Unterschieden keine besondere
Bedeutung zu. In Grzimeks Tierenzyklopädie werden die Namen Canis familiaris
forma dingo von den Autoren Grzimek und Trumler GRZIMEK; TRUMLER 1987)
noch anerkannt, jüngere Autoren sind meistens der Meinung, dass es alles
Haushunde sind ohne besonderen taxonomischen Status.
Es darf nicht übersehen werden, dass
der Raum, den immer noch mehr oder weniger naturnahe Menschen mit ihren
Hunden bewohnen, riesig ist. Obwohl ich viele Tausende Kilometer mit Wagen
und Kleinflugzeug zurücklegte, bleiben die Beobachtungen fragmentarisch und
Rückschlüsse sollten als Anregungen verstanden werden.
Schon in Brehm‘s Tierleben und
Berichten anderer älterer Forschungsreisender werden Hunde
schwarzafrikanischer Völker treffend als das geschildert, was sie manchmal
wirklich sind: arme Hunde. Ähnlich, wie ich sie erlebte. Es sind in früheren
Zeiten von Afrikareisenden Hunde Schwarzafrikas unter verschiedenen Namen
wie „Kongohund“ oder „Bantuhund“ beschrieben worden. In Wirklichkeit ähneln
sie sich weitgehend, bis auf allerdings nicht seltene Ausnahmen, wie sie bei
einem so mutationsfreundlichen Tier zu erwarten sind. Die Rassehunde des
nördlichen Afrika fallen natürlich unter dieses Urteil nicht. Auf den ersten
Blick machen viele davon keinen besseren Eindruck, als Parias (die ich aus
eigener Erfahrung kaum kenne): „mager, verfloht, träge, scheu und
misstrauisch“. Sie leben aber in enger Symbiose mit dem Menschen, wenn auch
sie oft wenig gefüttert werden. Denn irgendwie verwertbare Abfälle gibt es
kaum - vielleicht noch Schalen von Bananen, Ananas oder Mango, Früchte der
Ölpalme und deren Reste. Reste von Maniok, Mais, Reis usw. essen die Kinder,
erst die Reste von den Resten sind für die Hunde da. Fleischabfälle gibt es
wenige, denn es ist so rar und teuer, dass auch Därme, Häute, Mägen und
verwertbare Teile von Knochen vom Menschen gegessen werden. Wenn man die
Hundebesitzer fragt, was sie den Tieren füttern, bekommt man zu einfache
Antworten, z.B.: Mais. Reis. FuFu. Usw. In Wirklichkeit erhalten sie sehr
wenig. Es wurde schon die Frage aufgeworfen, ob sie sich vielleicht von
Mäusen und Ratten ernähren und diesbezüglich nachts aktiv sind. Sicher ist
es nicht auszuschliessen. Meine aus Afrika mitgebrachten Welpen lasen in den
ersten Wochen alles auf, was einen Nährwert hatte: trockene Regenwürmer auf
den Wegen, faulende Grasbüschel, tote Insekten und manchmal auch
unkenntliche Dinge. In meinem Holzschuppen gab es hier und da Haus und
Gelbhalsmäuse, die aus dem Garten eindrangen und die seither nicht mehr
auftauchen. Ab und zu fangen sie auch einen Vogel, lassen ihn aber liegen.
Ob sie in ursprünglichen afrikanischen Dörfern regelmässig Beute finden,
halte ich für wenig wahrscheinlich. Die überall häufigen Siedleragamen
jedenfalls bleiben unbehelligt.
Ein Tierarzt der Ewe Abstammung
(Südtogo) Dr. Addeh Kouami, erzählte mir ausführlich, dass seine Leute die
Hunde mit dem füttern, was sie selber essen. Bei Nahrungsknappheit - und die
ist auch in relativ gut gestellten Ländern weit verbreitet - haben die
Kinder Vorrang und die Hunde hungern. Leute, die regelmässig verdienen,
bringen ihren kranken Hund auch einmal zum Tierarzt.
Man fragt sich, warum diese Hunde
überhaupt mit dem Menschen leben und nicht für sich allein. Auch dort nicht,
wo kein Druck seitens der Wildnis besteht, z.B. grosse Raubtiere.
Pechuel-Lösche im „alten Brehm“
(BREHM, JIRSIK 1928) schildert sie so: „...grösstenteils herrenlos und
gehören bloss zu den Ortschaften. Verkümmert und mager, auf Selbsterhaltung
angewiesen, feig, diebisch, misstrauisch und schnäppisch. Sie nähren sich
von Abfällen, fressen Kot der Menschen, nagen das fettreiche Fleisch von den
Früchten der Ölpalme, fangen sich wohl auch kleinere Tiere, jagen aber nicht
vereint auf grössere. Sie bellen nicht, lernen es aber bisweilen im Umgang
mit Kulturhunden... Sie ändern sich nach der Gegend vielfach ab... Die Köter
sind von mittlerer Grösse, fein und schlank gebaut, tragen die lange, leicht
gekrümmte Rute gewöhnlich hängend, die grossen, zugespitzten Ohren aufrecht,
haben einen keineswegs abstossenden Gesichtsausdruck und halten sich sauber,
sind jedoch voller Ungeziefer. Bei einiger Pflege und reichlicher Nahrung
entwickelten sich mehrere binnen wenigen Wochen zu recht hübschen,
eigenartigen Tieren, deren Charakter sich ebenfalls zum Guten veränderte.“
Aber war das aber immer so? Von dem
Hundeleben vor der Kolonialzeit wissen wir nichts. Vielleicht gab es Zeiten,
in denen die Bevölkerung des tropischen, üppig fruchtbaren Afrika ihre Hunde
liebten und fütterten, so wie es viele auch heute tun. Ich jedenfalls traf
auch gut genährte Hunde an und auch die ausgehungerten, vielleicht kranken
Tiere gehörten jemandem.
Anhand eigener Erfahrung bezweifle
ich, dass uns die alten Autoren tatsächlich das richtige und vollständige
Bild unterbreiten. Sowohl in Afrika als auch in Asien wurde stellenweise
seitens städtisch geprägter Einwohner - Hotelpersonal, Touristenführer,
Autovermieter - der Besuch von ursprünglichen Dörfern als unpassend oder
sogar gefährlich eingestuft. In Tansania und auf Cebu versuchte man sogar
ernsthaft, mich daran zu hindern. Vielleicht sagen diese alten Berichte
nicht die ganze Wahrheit.
Ich versuchte durch Beobachtung und
Befragung zu erfahren, warum die heutigen Menschen alter tropischer Kulturen
den Hund halten.
In Ghana, Togo und Benin (Ewe, Mina, Kabye, Losso, Somba, Ga
u.a.
erfuhr ich z.B.: "Der Hund ist gut als Gesellschafter für
Kinder, er ist Wächter, zur Jagd zu gebrauchen als Stöberhund". Die Hunde
leben frei, werden auch bei der Jagd nicht angeleint, haben unbeschränkten
Zugang in Wohnräume, zu Kindern und Haustieren. Bei der Jagd dienen die
Hunde vor allem zum Stöbern und Hetzen, wenn das Wild fluchtfähig ist. In
Togo (das ich häufigere bereiste, als alle anderen Länder) werden
überwiegend nur Kleintiere erbeutet: die begehrten Rohrratten (Thryonomys),
Hamsterratten (Cricetomys), Erdhörnchen (Euxerus), seltener wird eine
kleinere Antilope (z.B. Ducker, Cephalophus) oder ein Waran (Varanus
exanthematicus) gestellt.
Es werden bei der Jagd nicht nur
essbare Tiere mitgenommen, sondern auch solche, die man trocknen und am
Fetischmarkt verkaufen kann, also auch Schlangen, Chamäleons, Schuppentiere
(Manis) usw. Die Hunde machen sich beim auffinden der Beute nützlich, welche
dann gehetzt und mit Stöcken erschlagen wird. Es eignen sich nicht alle
Hunde zur Jagd, Welpen von bewährten Müttern - Väter sind fast immer
unbekannt - werden von den Jägern vorgezogen. Die Anforderungen an jagenden
Schensis sind nicht ganz einfach: Diese Hunde, die nie Leinenzwang erlebten,
müssen ihrem Führer bei Hitze weit in die Savanne folgen, die Zusammenhänge
erfassen, und, auch wenn sie müde und durstig sind, nicht einfach nach Hause
laufen. Dafür erhalten sie nichts als ein gutes Wort, denn etwas von den
Innereien der Beute erhalten sie erst nach der Heimkehr, wenn überhaupt.
Vielleicht kann man aus den zwei Aufnahmen ersehen, wie zufrieden, wenn
nicht glücklich, sie nach erfolgreicher Jagd sind. Vor Giftschlangen
schützen sich die Jäger, indem sie sich Beine und Füsse mit Fetzen
umwickeln, denn richtige Schuhe sind nicht selbstverständlich.
Interessanterweise erfuhr ich von keinem einzigen Schlangenbiss beim Hund,
obwohl zumindest Kobras (Naja nigricollis) sehr häufig und Puffottern (Bitis
arietans) gelegentlich vorkommen. Sicher ist das auf das Riechvermögen und
die grosse Vorsicht der Hunde zurückzuführen.
Welpen werden in Togo, Benin und
Ghana häufig auf Märkten angeboten. Auf den Fetischmärkten werden
getrocknete, manchmal frische Hundeköpfe verkauft. Bei Giftschlangenbiss
wird in manchen Gegenden die Wunde in einen noch lebenden Hund (oder Huhn)
versenkt. Ferner werden Hunde (auch Hauskatzen) gelegentlich bei Ritualen
getötet und dann teilweise gegessen, vielleicht als Ersatz für die heute
verbotene und nur den Reichen und Mächtigen vorbehaltene rituelle
Anthropophagie. Sonst wird Hund nirgendwo gegessen, es wird aber angegeben,
dass Einzelpersonen dies tun.
Es gibt in Westafrika Familien oder
Dörfer, wo Hundehaltung verpönt ist, Hund ist eine Art Tabu, er wird am
besten nicht angeschaut. Über die Ursachen dieser Abneigung konnte ich
nichts Genaueres erfahren, sie ist komplizierten religiösen Ursprungs und
betrifft nicht nur den Hund. Einen Angehörigen einer solchen Gemeinschaft
versetzte ich in Schrecken, als ich ihn einlud, eine Hundeausstellung in
Basel mit mir zu besuchen.
Bei den Schensis der Kawangos
(dieses Volk, obwohl durch dessen Gebiet eine erstklassige Schnellstrasse
führt, spannt seine Zeburinder vor Schlitten) im nördlichen Namibia, bei
denen ich leider nur ganz kurz verweilte, ist mir die besonders
freundschaftliche Beziehung zwischen Hunden und Knaben aufgefallen. Die
Hunde, zumindest manche, haben Namen.
In Tansania (Sansibar und
Tanganjika, siehe oben) sah ich nur wenig Hunde, da einerseits unter dem
Islam und anderseits im Sozialismus die Hundehaltung (bis auf Ausnahmen)
nicht gedeiht. In Dörfern, wo ich Schensis antraf, hatten sie Besitzer und
Namen, und wurden gefüttert. Ein befreundeter Masai erzählte mir, dass sie
als Volk nomadisierender Hirten keine Hunde halten, aber jedes ihrer vielen
Rinder einen Namen trägt. Ansässig gewordene (oder gemachte) Masaifamilien
schaffen sich bald Hunde und auch Katzen aus Liebhaberei an.
Schensihunde der Indianer am
Orinoko, Panare, Piaroa, Guahibo, Piapoco (die Namen stammen von Weissen.
Die Indianer selbst nennen sich anders) haben Zugang zu den Wohnräumen,
Haustieren und Kindern. Die Hunde erhalten Namen und werden gefüttert. Auf
Fragen, warum man Hunde hält, erhielt ich folgende Antworten: "Ein Hund ist
ein Freund. Er wacht, wenn Fremde kommen. Er ist gut für Kinder. Im Wald
läuft er voraus und merkt Giftschlangen früher als ich. Gegessen wird er
nicht, aber manche Leute essen ihn.“ Der Stellenwert des Hundes schien mir
bei den Indianern am Orinoko, die ich besuchte, hoch, aber dort, wo sie mit
der Zivilisation in allzu enge Berührung kommen, überwiegt Gleichgültigkeit.
Soweit ein oberflächlicher Eindruck. Bei den Panare traf ich Hunde an,
welche vom Schema abwichen: seltsam gefleckt, mit Hängeohren. Einkreuzung
europäischer Hunde ist im Hinblick auf die Verhältnisse sehr
unwahrscheinlich.
Paleoindianer der Yanomamigruppe (in
Venezuela „Yanomamos“) sollen ursprünglich keine Hunde gehabt haben, sie
leben in einem fast schon unwahrscheinlichen Frühstadium. Es wird
angenommen, dass sie erst vor wenigen Generation Schensihunde von ansässigen
Indianern erworben haben. Dafür aber ist ihre Beziehung zum Hund sehr weit
entwickelt. Folgende Angaben sind dem Bericht des Paters Luis Cocco
entnommen, welcher bei ihnen 50 Jahre lebte und ihre Sprache erlernte.
„...hatten ursprünglich keine Hunde. Einmal holte ein grosser Zauberer auf
Wunsch der Geister im Drogenrausch den ersten Welpen aus seinem Rachen, der
sich dabei erweiterte wie der einer Schlange usw.“..... „Der erste Hund
starb, weil er keine Frau hatte...“ Wie sinnig.
Juan Finkers, ein salesianischer
Missionar, berichtet uns: Hunde werden zur Jagd verwendet, indem sie die
Beute stellen, bis die Jäger mit Pfeilen zum Schuss kommen. Mancherorts
werden sie vor der Jagd mit Onoto (= roter Farbstoff aus Bixa orellana)
vermischt mit einem „magischem Pulver“ eingerieben. Werden sie, z.B. von
Pekaris, bei der Jagd verletzt, werden ihre Wunden sorgfältig behandelt.
Kinder spielen viel mit ihnen, manchmal schlafen Hunde mit ihnen in den
Hängematten. Unter den einzelnen Stämmen werden Hunde gehandelt. Es gibt
verschiedene Regeln für die Hundehaltung: Jungen Hunden soll man kein
Fleisch geben, damit sie nicht lernen, es den Kindern zu stehlen. Hunde
sollen das Fleisch von Brüllaffen nicht essen, sie könnten Würmer bekommen
und erblinden. Von Schlangenfleisch würden sie mager werden und schlecht
jagen, sagen die Schamatari, während die Mawaca ihnen Fleisch der grossen
Wasserschlange (Anakonda) verabreichen; nie dürfen Hunde mit Pekarifüssen
gefüttert werden, da sie sie (die Pekaris = Wildschweine) nie wieder
einholen würden. Zumindest manche Yanomamistämme verbrennen ihre
Verstorbenen und verspeisen ihre Asche. Sie verbrennen auch gestorbene
Hunde, aber die Asche wird begraben. War der Hund besonders beliebt, wird er
betrauert, Gäste werden eingeladen. Andere altgewordenen Hunde lässt man
verhungern. Das Geschlecht des Hundes ist nach der Endung seines Namens zu
erkennen. Welpen werden nach Bedarf von Frauen gestillt. Indianer dieser
Gruppe halten den Hund als einziges Haustier, ausser freilich denen, die
ihnen die Europäer brachten. Ein glaubwürdiger Journalist erzählte mir, dass
gewisse Indianerfrauen in Mexiko ebenfalls Kleinstwelpen stillen, anderseits
bedienen sich Kinder bei milchproduzierenden Hündinnen. Tierfreundliche
Indianer halten und zähmen Affen, Papageie, Schlangen und andere Tiere zu
ihrem Vergnügen. Lamas, Meerschweinchen und Truthühner wurden von
Uramerikanern domestiziert.
In Thailand gibt es zahlreiche
Rassehunde. Auf dem Sonntagsmarkt in Bangkok werden Pudel verschiedener
Farben, Spaniels, Schäferhunde, Boxer usw. angeboten. Es wird ausserdem eine
Vielfalt anderer Haus- und Heimtiere gemarktet. Alle zum Verkauf gebotenen
Tiere werden professionell gepflegt, sie haben Futter, Wasser, Schatten und
sind sauber. In den Strassen der Städte sieht man Rassehunde ganz selten.
In ländlichen Gegenden ist der Hund
vom Schensitypus erhalten geblieben; diese Hunde sind durchwegs sauber und
gut genährt. Einzelne mit längerem Haar und Kippohren kommen vor. Kynophagie
ist in Asien weit verbreitet. Die städtischen Einwohner bestreiten
Kynophagie, geben aber zu, dass es hundessende Menschen gibt, jedenfalls
Chinesen. Auf den Märkten sah ich keine geschlachteten Hunde, aber in „Chinatown“
Bangkoks soll es sie geben. In Nordthailand besuchte ich einen Aboriginstamm
angeblich „chinesischen Ursprungs“: Diese seltsam gebauten, gedrungenen
Menschen halten Hühner, Schweine und Hunde. Ich dachte schon, die erste
Kultur angetroffen zu haben, deren Hunde keine Namen haben - als der
Dolmetscher nach einem weiteren Gespräch sich korrigierte. Auch hier tragen
sie, zumindest manche, Namen. Diese Hunde werden gegessen, bei der Auswahl
für die Essbarkeit scheint die Farbe des Hundes eine mir unklare Rolle zu
spielen.
Hunde, die buddhistischen Tempeln in
Thailand angehören, kann man wohl nicht als solche der Hackbaukultur
bezeichnen, aber es sind auch keine Parias, da eine Beziehung zu einzelnen
Mönchen oder zu der Gemeinschaft besteht. Sie sind mit Schensis äusserlich
identisch, werden gut gefüttert und zumindest manche von ihnen erhalten auch
Namen. Manchmal werden sie absichtlich schlecht behandelt, in der Annahme,
es handle sich um Inkarnationen verstorbener Mönche und man könne ihnen
durch zugefügtes Leid zu „höheren“ Daseinsformen verhelfen. Sie haben
Zutritt zu Tempelteilen, wo er selbst Frauen verweigert wird.
In Malaysia - das Festland ist
überwiegend islamisch - sieht man nur wenige Hunde. Aber Anhänger der
Naturreligionen, teils Pfahlbautenbewohner, besitzen typische Schensihunde
mit allen Merkmalen der Domestikation. Diese Völker erzählen sich alte
Märchen, in denen der Hund eine positive Rolle spielt. Von Schensis des
Camerongebirges stammt der in den USA gezüchtete Telomian. Die Insel Borneo
besuchte ich nicht selber, aber ich erhielt von den Herren Paul Heinrich
Stettler und Marcel Peltier, die die Insel mit naturwissenschaftlichen
Zielen bereisten, ausführliche Auskunft und Dokumentation. Danach sind
dortige Hunde typische Schensis, sie sind häufig, die Beziehung zu Menschen
sehr gut, man spricht mit ihnen und sie verstehen einige Befehle. Bei
manchen Stämmen werden sie in Rudeln gehalten und finden Verwendung bei
Hetzjagden. Darüber wird berichtet in der interessanten Lektüre „Abenteuer
Hund“ (Ursula Birr. VGS Köln, 1996).
Auch in Singapur, auf dem Fussweg
zwischen dem Zoologischen Garten und der Stadt, konnte ich gutgenährte Hunde
vom Schensitypus beobachten. Allerdings kann hier nicht die Rede vom Hackbau
sein, die Hunde befanden sich in Gefolgschaft von eher modernen Gemüsebauern
oder Gärtnern.
Auf den Philippinen beobachtete ich
den ersten Hund des Schensitypus in Manila vor dem Eingang ins
ethnografische Museum im Staube schlafend. Ich sah in dieser schrecklichen
Stadt keine Hunde, die an einen Rassehund erinnern, aber ich erfuhr von
Taxifahrern und Hotelpersonal, dass es Zwergpudel, Deutsche Schäferhunde u.a.
gibt. In der ländlichen Umgebung traf ich typische Schensis an, die vom Land
bis in die Arbeiterviertel und Slums der Peripherie mitgenommen wurden. Sie
werden hier als „Filipino Dog“ bezeichnet. Ähnliche Verhältnisse traf ich in
den dicht bevölkerten Küstengebieten von Cebu an. Diese Hunde sind gut
genährt, haben schwerere Köpfe und kräftigere Kiefer als alle anderen von
mir besichtigten. Von Dingos, die ich leider nur aus Filmaufnahmen und
europäischen und amerikanischen Zoozuchten kenne, sind viele nicht zu
unterscheiden. (Leider hat man in Europa lange Zeit die Variabilität der
Dingos verkannt und auf einfarbige Tiere des vermutlichen Typus gezüchtet.)
Auch hier sind Schensis dem Menschen eng angeschlossen, schlafen manchmal
auf einer Bank oder sogar auf dem Tisch vor dem Haus, auch unter einer Bank,
auf der Menschen sitzen. Unter einem Haus (einem „Teilpfahlbau“) beobachtete
ich einen Wurf mit dem Muttertier. In der Gegend kommt der Netzpython
(Python reticulatus) vor, als Hühnerräuber verschrien, welcher freilich
Hunden gefährlich werden kann. Manchmal war ein Hund angeleint oder hatte
ein Halsband. Oft sah ich sie in Gesellschaft von Kindern. Auf dem Markt
werden viele Haustiere, auch Schlachtvieh angeboten, aber keine Hunde. Die
Frage, ob sie gegessen werden, wird verneint mit der Einschränkung, dass es
solche Leute - selten - gibt.
Einmal konnte ich beobachten, wie
ein Hund vor der Schule wartet und sich dann einem Knaben anschliesst. Die
Pfannkuchenverkäuferin vor der Schule versicherte mir, dass dieser Hund
regelmässig erscheint.
Die Verhältnisse im hügeligen und
bewaldeten Inneren der Insel sowie auf der Insel Bohol sind viel
ursprünglicher. Die Dörfer sind klein, die Behausungen verstreut. Hunde
trifft man in und neben den Hütten der „Wasserbüffel- und Pflugbauer“ an. Ob
sie gegessen werden oder bei der Jagd Verwendung finden, konnte wegen der
Sprachbarriere nicht ermittelt werden. Einzig auf Bohol erzählte mir eine
Dorfbewohnerin, dass einzelne Hunde für die Jagd geeignet sind und dazu
abgerichtet werden. Wie sie arbeiten, konnte sie mir nicht erklären, da sie
nie dabei war. Während des Gesprächs sass ihr der Hund, den sie auf meinen
Wunsch zu sich gerufen hatte, zu Füssen.
Bringen Beobachtungen über das
Zusammenleben naturnaher Menschen mit „primitiven“ Hunden Indizien über den
von Legenden umwobenen Vorgang der Domestikation? Was war wohl der
ursprüngliche Sinn der Hundehaltung? Diesbezügliche Überlegungen scheinen
mir vom, vielen Völkern fremden, europäischen Nutz-Leistungsprinzip
diktiert. Aber auch wir, Nutz- Leistungsmenschen mit allen erdenklichen
Möglichkeiten zur Unterhaltung, halten uns Hunde. Das Vergnügen, sie um sich
zu haben, ist uns wichtig und wir essen sie nicht - wie wir es mit anderen
liebenswerten Tieren, Lämmern, Kaninchen, u. a. tun.
Nachdem ich so manches (mehr oder
weniger) naturnahe Volk kennen lernte, scheint mir blosse Liebhaberei als
der wahrscheinlichste Grund. Der Hund als Fleischlieferant ist vermutlich im
Vergleich zum Schwein und Ziege unwirtschaftlich. Dagegen ist das Vergnügen,
einen Hund zu besitzen, nicht nur für den Europäer, gross. Auch sehr arme
Europäer halten und hielten sich Hunde, ohne sie zu essen.
Ein Paleoindianer der Tropen, so
wird geschätzt, braucht sich nur zwei Stunden am Tage um seinen
Lebensunterhalt zu bemühen, der Rest seiner Zeit dient der Unterhaltung. Wo
es keine Bücher, keine elektronischen Medien gibt, ist der Unterhaltungswert
eines Hundes sicher sehr hoch.
Ich will den bisherigen Legenden
keine weitere hinzufügen; wir stehen auf der Schwelle neuer und exakter
Erkenntnisse, die uns Genetiker unterbreiten werden. (WAYNE 1997) Doch ist
die Ähnlichkeit der Wölfe, deren Verbreitungsgebiet die Grenzen Afrikas
berührt, und vieler Schensis, auffallend. Dagegen ist bemerkenswert, dass
kaum über Kreuzungen zwischen Südwölfen und wildlebenden Parias berichtet
wird, da sie ja nebeneinander vorkommen.
Für viele meine treuen Begleiter,
Dolmetscher und Freunde, die mir in entlegenen Gegenden bei meiner Suche
nach Wissenswertem manchmal voller Verwunderung, aber immer hilfsbereit zur
Seite standen, danke ich hier namentlich: Herrn Tolisso Kossi NoNo (in
memoriam), Lomé, Herrn Dogbe M. Kodjo, Lomé, Togo und Herrn Juan José Moori,
Puerto Ayacoucho, Venezuela. InhaltSouhrn (Zusammenfassung in Tschechisch) Schensihunde, die ich mitbrachte
Wichtigste Literatur:1899: Siber, Max: Die Hunde Afrikas. St. Gallen 1928: Brehm, Alfred u. Jirsík, Alois: Brehmùv život zvíøat, Otto, Prag 1944: Werth, E.: Die primitiven Hunde und die Abstammungsfrage, Berlin 1950: Hauk, E.: Abstammung, Ur- und Frühgeschichte des Haushundes. Wien 1956: Werth, E. Grabstock, Hacke und Pflug, Ulmer 1956: Narody mira. Narody Australii i Okeanii. Akademia nauk, Moskva 1958: Halternoth, Theodor: Rassenhunde - Wildhunde. Heidelberg 1960: Menzel, R. + R.: Parias. Neue Brehmsbücherei, Wittenberg 1960: Schneider-Leyer, Dr. E.: Die Hunde der Welt. Albert Müller Verl. Zürich 1968: Harrison, D.L.: The Mammals of Arabia, London 1971: Epstein, H.: The Origin of Domestic Animals of Africa, Edition Leipzig 1983: Hemmer, H.: Domestikation - Verarmung der Merkwelt. Wiesbaden 1987: Grzimek, Bernhard u. Trumler, Eberh. in Grzimeks Enzyklopädie, Säugetiere, München 1989: Zimen, Erik: Der Hund, Bertelsmann, München 1990: Fleig, Dr. Dieter: Hunderassen d. Welt, Kynos-Atlas 1990: Herre, Wolf u. Röhrs, Manfred: Haustiere zoologisch gesehen. Gustav Fischer Verlag 1991: Castel-Rüdenhausen, Hubertus Graf zu: Jagen zwischen Namib und Kalahari, Paul Parey Verlag 1992: Rotter, Jiøí: Der Haho-Awu. Mitt. d. Gesellsch. für Haustierforschung. München 1992: Rotter, Jiøí: Hahoavu, Pes 4. Praha 1992: Rotter, Jiøí: U bulterieru v Jihozapadni Africe. Pes 5. Praha 1993: Räber, Dr. h.c.Hans: Encyklopedie d. Rassenhunde. Kosmos Verlag 1997: Wörner, Frank G.: Die „Strassenhunde“ der Alten Welt. Mitt. d. Gesellschaft f. Haustierforschung, München 1997: Rotter, Jiøí: Šenziové, za psy do èerné Afriky, Pes 7, Praha 1997: Wayne, Robert et al.: Multiple and Ancient Origins of the Domestic Dog. Science, Vol 276 |
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